Archiv der Kategorie: Das Kirschvögelchen – Gabriele Neumaier

Kirschvoegelchen 1

Das Kirschvögelchen

Ist das eine Kirsche oder ein Vögelchen? Die Theaterpädagogin und Fotografin Gabriele Neumaier spielt in ihren Bildergeschichten für Kinder ab 2 Jahre mit der Wahrnehmung.

Es war einmal eine Kirsche, die hing zusammen mit vielen anderen Kirschen an einem Kirschbaum. Die Sonne schien und brachte sie zum Glänzen und sie freute sich ihres Lebens. Denn schönes Wetter ist auch für Kirschen nicht selbstverständlich, deswegen ist manchmal der Wurm drin. Eines Tages wehte ein laues Lüftchen und alle Kirschen schwankten leise im Wind. Unsere Kirsche aber machte ein richtiges Tänzchen und drehte sich dabei nach links und nach rechts. Als sie die Nachbarkirsche betrachtete, erschrak sie heftig. Die war rund und glatt! Die sah so ganz anders aus als sie selbst! Das wusste sie sicher, denn am Abend zuvor waren viele dicke Regentropfen vom Himmel gefallen und sie hatte sich in ihnen betrachtet wie in einem Spiegel.

Kirschvoegelchen 2Vorne oben rechts entdeckte sie dabei einen Knubbel. Auf dem Knubbel war aber noch ein Knubbel, allerdings etwas länglich, so dass die Kirsche nicht sicher war, ob dieser Knubbel auch wirklich ein Knubbel war. Aber das war ihr schließlich egal. Normalerweise vergießen Kirschen keine Tränen. Aber unsere Kirsche wurde plötzlich sehr zornig, weil sie so anders aussah als die anderen Kirschen, und ihre Tränen waren Zorntränen. Sie drehte sich wütend so lange im Wind hin und her, bis es dem Stiel, an dem sie hing, ganz schwindelig wurde und er die Kirsche einfach abwarf. Ups. Da lag sie nun am Boden.

Es war schon dunkel als sie neben sich ein leises Wispern hörte. „Lass das, die darfst du nicht annagen“, schimpfte eine Ameisenmutter ihr Ameisenkind. Das Kind war störrisch und freute sich auf den süßen Schmaus. Da schob die Ameisenmutter das Ameisenkind mit dem ersten Bein von sechs Beinen vorne links ein wenig ruppig beiseite.

„Diese Kirsche“ – flüsterte sie leise weiter – „ist eine ganz besondere. Setz dich hin und hör zu.“ Das Ameisenkind weinte ein wenig, setzte sich dann aber ins Gras und sperrte nach dem ersten Satz der Erzählung staunend das Mäulchen auf.

„Vor zwei Monaten verliebte sich eine Amsel in eine wunderschöne Kirschblüte. Sie flog ständig um sie herum, bewegte sich dabei wie ein Kolibri, roch ihren betörenden Duft, setzte sich neben sie auf den Ast, betrachtete sie verliebt und trällerte zärtliche Melodien. Manchmal aber, weil die Kirschblüte so gar nicht reagierte, pfiff sie auch ganz schön schrill. So verging Woche um Woche. Dann kam der Wind und trug die Blütenblätter davon. Und siehe da: Aus der Kirschblüte war eine kleine grüne Kugel geworden. Die Kugel wuchs und wuchs, wurde rot  und immer dicker. Oben rechts hatte sie einen kleinen Knubbel und auf diesem Knubbel einen kleinen Schnabel. Jetzt war es ganz sicher: Die Kirsche war keine normale Kirsche, sondern ein Kirschvögelchen.“

Das Ameisenkind betrachtete die Kirsche erstaunt. Diese rührte sich gar nicht, weil Kirschvögelchen schlafen, wenn es dunkel wird. Die kleine Ameise  umkreiste es zweimal auf ihren kurzen Beinchen. Dann setzte sie sich die ganze Nacht ganz nah daneben und passte auf.

Kirschvoegelchen 3Am nächsten Morgen kam eine Frau in den Garten und pflückte Kirschen. Sie musste sich bücken, weil ihr dabei einige Kirschen aus der Hand gefallen waren. Da sah sie im Gras eine Kirsche ohne Stiel liegen und zwei Ameisen, eine kleine und eine große, die schnell davonkrabbelten. Sie hob die Kirsche auf, schaute sie verdutzt an und rief aufgeregt: „Ein Kirschvögelchen, ein Kirschvögelchen!“ Aber keiner hörte sie, denn außer ihr selbst war niemand da. Und weil man ein Kirschvögelchen nicht essen soll – es ist etwas ganz Besonderes – legte sie es vorsichtig in eine gemütliche kleine Asthöhlung und pflückte weiter Kirschen.

Kirschvoegelchen 4Und wenn das Kirschvögelchen nicht doch gegessen wurde, von einem dieser Leute, die nicht einmal anschauen, was sie in den Mund stecken, dann sitzt es heute noch dort.

 

Text und Bilder: © Gabriele Neumaier