Archiv für den Monat: April 2015

Cover Issun Boshi, Copyright Kleine Gestalten

Issun Bôshi

Vor ein paar Jahren war ich in Japan – damals noch ohne Kinder – und ich war tief beeindruckt. Von der wunderbaren Landschaft, den quirligen Städten, der vielschichtigen Kultur. “Issun Bôshi – Das Kind, das nicht größer als ein Daumen war” ist im Original zwar in Frankreich erschienen, geht jedoch auf ein altes japanisches Märchen zurück. Schon das Cover zog mich deshalb in seinen Bann.

Ein großer-kleiner Kinderwunsch

Ein kinderloses Paar wünscht sich so sehr Nachwuchs, dass es ihm ganz egal ist, wie groß dieser wird. So singt es jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit dasselbe Lied: “Wir wünschen uns ein Kleines, und sei es noch so klein. Es kann wahrhaftig klein sein, winzig, winzig klein. Wir wünschen uns ein Kleines, und sei es noch so klein.”

Und tatsächlich, eines Tages bekommen die beiden Wünschenden einen Sohn, der so winzig klein ist, dass er bequem auf eine Handfläche passt. Sie nennen ihn “Issun Bôshi” – “Der, der nicht größer als ein Kinderdaumen ist.”

Issun Bôshi wird ein schlauer, quirliger Junge mit vielen Fähigkeiten – doch wachsen tut er nicht. Aber er ist mutig und geht trotz seiner Winzigkeit in die Welt hinaus, um “wahre Größe” zu beweisen. Mit einer Reisschüssel auf dem Kopf und einer Nadel an der Hüfte macht er sich auf den Weg.

Der Menschenfresser und der Schatz

Im Wald begegnet ihm ein Menschenfresser, der ihm verspricht, mit seinem Zauberhammer einen großen Kerl aus ihm zu machen, wenn er ihm aus der Stadt den besonders schönen Schatz aus dem großen Haus eines Herren mitbringt. Vor Ort findet Issun Bôshi jedoch keinen Schatz, sondern ein wunderschönes Mädchen, dem er als kleiner Unterhalter Gesellschaft leisten darf. Was er nicht weiß ist, dass das Mädchen der Schatz ist, den der Menschenfresser wollte. So kommt es eines Tages bei einem Spaziergang im Wald gemeinsam mit dem Mädchen zum Kampf zwischen dem japanischen David und seinem Goliath …

Wie’s weitergeht, will ich hier nicht verraten. Nur so viel: Es geht gut aus!

In guter alter japanischer Tradition

Cover "Issun Bôshi", Rückseite © Kleine Gestalten

Cover “Issun Bôshi”, Rückseite © Kleine Gestalten

“Issun Bôshi” ist ein wunderbares Märchen, das davon erzählt, wie einer Großes leisten kann, obwohl er klein ist. Für kleinere Kinder ist der Kampf mit dem Menschenfresser in guter alter japanischer Tradition ein bisschen zu brutal. Da habe ich einen etwas abgewandelten Text vorgelesen. Das ist ansonsten aber keineswegs der Fall.

Illustriert wurde das Bilderbuch von der französischen Kinderbuch-Illustratorin Mayumi Otero und dem Grafikdesigner und Illustrator Raphaël Urwiller – zusammen nennen sie sich “Icinori”. Die asiatisch anmutenden Zeichnungen sind holzschnittartig und gleichzeitig farbenfroh. Sie ziehen den Leser komplett hinein in die phantastische Welt des kleinen “Issun Bôshi”.

Unser Fazit: Ein sehr besonderes Buch aus der Kinderbuchreihe “Kleine Gestalten” des Gestalten-Verlags, der sich nicht umsonst mit Designbüchern einen Namen gemacht hat. Die Firma Gestalten ist darüber hinaus klimaneutral, was ich gerade im Umfeld von Kinderbüchern ein besonders wichtiges Engagement finde.

Buchinformationen: 

Icinori: Issun Bôshi – Das Kind, das nicht größer als ein Daumen war. Übersetzung aus dem französischen von Claudia Sandberg, Berlin 2014

Cover: Der neugierige Garten, © Bohem Verlag

Der neugierige Garten

Lesemaus, Leseratte und ich lieben unsere Terrasse. Jetzt wo der Frühling ruft und draußen die Vögel wie irre zwitschern, haben wir schon so einiges gepflanzt. Narzissen, Hyazinthen, Tagetes blühen auf dem Balkon. Kleine Tomatenpflänzchen und Sonnenblumen sprießen drinnen auf dem Fensterbrett.

Pflanzen wider die Tristesse

Was gibt es Schöneres als an einem grauen Tag seine Blumen zu begutachten, hier ein altes Blütenblättchen zu entfernen und da ein bisschen zu düngen und zu gießen? Für Liam ist das nicht selbstverständlich. In Peter Browns Bilderbuch “Der neugierige Garten” gibt es eine Stadt “ohne Gärten, ohne Bäume, ja gänzlich ohne das kleinste bisschen Grün.” Trostlos, oder? Bis Liam, der gerne draußen ist, eines Tages auf die alte Hochbahntrasse steigt und ein kleines Fleckchen mit Wildblumen und Pflanzen entdeckt. Fast am Eingehen sind sie. Liam nimmt sich ihrer an, gießt sie, schneidet sie zurück und wird mit der Zeit ein richtiger kleiner Gärtner.

Urban Gardening für Kleine

Und schwupps: Plötzlich ist die ganze Bahntrasse voll mit kleinem Unkraut, Mosen und lieblicheren Pflanzen. Da kommt der Winter und mit ihm verschwindet die Pracht. Doch Liam gibt nicht auf und im nächsten Frühling beginnt sein Garten sich auf die Reise zu machen. Hinein in die triste, graue Stadt. Und das beste: Liam ist nicht mehr allein! Viele neue kleine Gärtner haben sich ihm angeschlossen, um ihr Wohnumfeld zu begrünen. Am Ende ruft die Utopie der grünen Stadt.

Das Eisenbahnviadukt im Westteil Manhattans als Vorbild

Der Autor Peter Brown konnte es sich nicht vorstellen, dass aus Beton, Stein und Stahl Pflanzen wachsen können, bis er entdeckte, dass die Natur sich vieler undenkbarer Orte bemächtigt.

Ein altes Eisenbahnviadukt im Westteil Manhattans diente ihm als Inspiration für das Bilderbuch. Denn als er die wild bewachsene ehemalige Highline sah, begann er darüber nachzudenken, was denn passieren würde, wenn man sich dazu entschiede, eine ganze Stadt zu begrünen: “Womit würde es beginnen?”

Der Bohem Verlag steht für wunderschön illustrierte Bücher in edler Aufmachung. Ich liebe es, über den schönen Leinen-Einband von “Der neugierige Garten” zu streichen. Die Sprache ist manchmal ein bisschen zu sehr an der Erwachsenenwelt orientiert, aber die Message des Buches kommt rüber und regt nicht nur die Großen zum Nachdenken an.

Der Frühling ruft! Urban Gardening rocks!

Warum wir noch keinen Kleingarten haben, lest ihr hier: Normcore sein wie Ryan Gosling?

Buchinformationen:

Peter Brown: Der neugierige Garten, ab 3 Jahre, Bohem Verlag 2014

Cover Der Schiet und das Fruehjahr

Der Schiet und das Frühjahr

Endlich ist es Frühling. Da macht ein Hund einen kleinen Haufen Schiet in den Park. Und was macht der Schiet da? Er wird nicht etwa in eine kleine braune Tüte gepackt und in den nächsten Papierkorb geworfen – er genießt das Frühjahr und macht es sich im Park gemütlich. Am Ende heiratet er sogar.

Auszug aus "Der Schiet und das Frühjahr"

Auszug aus “Der Schiet und das Frühjahr”

 Kuriose Geschichten mit überraschendem Ausgang

Diese und noch viel mehr Geschichten erzählt der vielfach ausgezeichnete estnische Erfolgsautor Andrus Kivirähk in “Der Schiet und das Frühjahr”, einem bildreichen Kinderbuch, das von Meike Teichmann illustriert wurde. Dabei geht es nicht nur um den Frühling, sondern um verschiedene kleine Geschichten: Um Socken, die ein Ei ausbrüten. Um ein schreckliches Kaugummi, das in der Sonne zum Leben erwacht. Um eine verrückte Jacke, die sich an ihren Besitzer klammert, einen bunten Hund, eine einsame Kartoffel und vieles mehr.

Auszug aus "Der schreckliche Kaugummi"

Auszug aus “Der schreckliche Kaugummi”

Kindgerecht skurril?

Die kurzen Geschichten, die im Schnitt um die sechs Seiten lang sind, schaffen lustige Vorstellungen im Kopf und bieten einigen Stoff, um sie weiter zu spinnen oder zu hinterfragen. Alltägliche Dinge und Wesen werden plötzlich lebendig – und auch wir Eltern können uns durch den “Schiet” und andere Lebewesen des Buches wieder mehr in die Welt der Kinder hinein versetzen, die viel weniger überrascht sind als wir, wenn Kaugummis plötzlich leben oder Kartoffeln einsam sind. Die Sprache des Buches ist herrlich humorvoll UND kindgerecht. Das hat der Übersetzer Prof. Cornelius Hasselblatt sehr gut hinbekommen, denn viele “lustige” oder absurde Kinderbücher schrammen auch mal gerne am Humor von Kindern vorbei.

Auszug aus "Der bunte Hund"

Auszug aus “Der bunte Hund”

Es lebe die Nachhaltigkeit!

Toll ist auch, dass das Buch nachhaltig klimaneutral gedruckt wurde von einer Berliner Druckerei. Das heißt, es wurden Recyclingpapier, mineralölfreie Druckfarben und keine Folien verwendet. Besonders wichtig in Zeiten, wo der Druck in China und die Verwendung schadstoffreicher Farben keine Seltenheit ist.

Buchinformationen:

Andrus Kivirähk: Der Schiet und das Frühjahr, ab 4 Jahre, Willegoos 2015